Texte

Voice Coaching

Nina Hesse Bernhard

In fremden Händen

Sie sind zu dritt unterwegs. Der Aufstieg führt steil durch das verschlungene Tal. Üppig leuchten gigantische Bäume, Lianen, Farne und Bromelien in unendlich vielen Grüntönen. Der Dschungel lebt. Oona schliesst die Augen. Lauscht. Dumpf hallt es durch die Baumkronen. Vogelgesang schwillt an. Affengebrüll setzt ein, steigert sich, strebt einem Höhepunkt zu, der lange anhält. Eine Symphonie. Oona dreht sich im Kreis. Bleibt stehen. Öffnet die Augen. Paradiesisch, dieses fruchtbare Hochtal. Doch Carlos lässt ihr keine Zeit. Er drängt weiter, über die schmale Hängebrücke. Zoe hüpft ihm nach. Oona zögert. Die Brücke schwankt. Carlos winkt und zeigt hoch zum Himmel. Oona sieht nur den grünen Fluss, der unter ihr schäumt, sich zwischen Felsbrocken hindurchwälzt. Hat sie eine Wahl? Carlos und Zoe sind weit voraus. Da. Ein Vogel mit gelber Brust und riesigem Schnabel. Dicht an ihr vorbei, lotst er sie über die Brücke.

Es dunkelt bereits, als sie ankommen. Verschwitzt und erschöpft. Eine Gruppe heruntergekommener Hütten. Carlos bleibt vor einer stehen und trommelt an die Wand. «Hóla, hóla, sóy Carlos.» Erst beim zweiten Rufen geht die Tür einen Spaltbreit auf. Keine Begrüssung. Nur ein Nicken. Dann wird die Tür ganz aufgestossen. Eine hagere Frau erscheint. Sie kneift die Augen zusammen, mustert Zoe und Oona und winkt Carlos zu. Sie treten in einen spärlich beleuchteten Raum ein und stellen ihr Gepäck auf den Boden. Endlich. Oona schaut sich um. Es gibt nicht viel zu sehen. «Ahí está la cáma», die Frau zeigt hoch zum Bretterboden. Carlos verhandelt mit gedämpfter Stimme. Alles geht schnell. Er klettert mit seinem Bündel die Holzleiter hinauf. Zoe folgt ihm leichtfüssig wie immer. Oona umfasst die beiden Holme, zieht sich die Leiter empor. Schritt um Schritt. Sprosse um Sprosse. Immer hochschauen, zum Bretterboden. Wenige Tritte noch. Gleich ist sie oben. Oona setzt ihren Fuss auf. Unter ihr Leere. Luft. Und Oona fällt. Fällt. Schlägt auf. Mit dem Rücken. Auf dem Lehmboden. Bleibt liegen. Kann sich nicht bewegen. Nicht die Augen schliessen jetzt, nur nicht die Augen schliessen. Oona weiss, dass sie lebt. Dass sie überlebt.

Sie sieht, wie Carlos und Zoe die Leiter hinunterklettern. Sieht die grossen Gesichter auf sie zukommen. Münder, die sich in Zeitlupe bewegen, auf und zu, auf und zu. Wie der Schnabel des gelben Vogels.

Sie sieht, wie die Frau in den halbdunklen Raum kommt. Wie Carlos auf die Frau einredet. Wie die Frau etwas sagt. Wie Zoe ihre Hand nimmt und sie drückt. Wie Carlos und Zoe die Gepäckstücke vom Bretterboden holen. Wie Frauen Decken ausbreiten. Einheimische Frauen, die sie vorher nicht gesehen hat. Wie jetzt alle dastehen und schauen. Grosse Gesichter, die einfach nur schauen. Wie Carlos und Zoe das Schlaflager neben ihr einrichten. Wie sie versucht, ihre Beine anzuheben. Wie es ihr nicht gelingt. Wie sich nur die Füsse im Kreis drehen lassen. Wie Carlos und Zoe nahe beieinander einschlafen. Wie sie wach bleibt.

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