Texte

Voice Coaching

Nina Hesse Bernhard

River

  1. Auf ihrer Kawasaki, 5. Juli, 6:00

VIVIEN (singt) Wo das Tal breit und staubig ist,
sich am Horizont die Strasse verliert,
da wo Bergspitzen sich erheben, locken.

Ich hab mein Bündel gepackt,
die Stiefel geschnürt,
die Hühner gefüttert,
der Katze ins Ohr geflüstert:
Der Fluss ist trocken,
die Zeit reif,
die Berge, sie glühen.

Ich lass den Motor aufheulen.
Fahre los,
ich fahre.
Fahre auf rotem Sand
einer schlaflosen Nacht
entgegen.

Vivien fährt auf ihrer Kawasaki durch das ausgetrocknete Flussbett. Am Horizont fächern sich erste Sonnenstrahlen auf und tauchen das Tal in einen roten Schimmer. Sie gibt Gas und kurvt die Strasse hinunter zum Meer, parkt ihre Kawasaki an der Uferpromenade und schreitet zum Leuchtturm von Punta Lingua. Ihre Schritte sind entschlossen. Sie zieht ihr Badekleid an und watet über die grossen, runden Steine ins Wasser. Klingende Steine, die seit Jahrtausenden hin- und herrollen. Das Wasser umspült Viviens Knöchel, die Waden, Knie, Oberschenkel, ihre Hüften, den Bauch, die Brüste. – Sie schwimmt in der Rückenlage und lauscht dem Rauschen der Wellen, dem Gurgeln der Steine und lässt sich tragen vom Meer.

STELLA
Ich stehe vor deiner Haustür und warte. Nichts geschieht. Ich drücke auf die Klingel und bleibe diesmal länger drauf. Ist noch früh, aber warum nicht. Ich gehe voraus durchs Treppenhaus. Die Wohnungstür steht offen. In der Wohnung riecht es nach frischen Kräutern, Thymian oder Rosmarin, und ranzigem Teppich. Eine Teppichwohnung. Der Teppich kommt bald raus. Ich tappe durch den Flur, öffne die Tür zu deinem Zimmer und halte den Atem an. Gleissendes Licht fällt durch die halb geöffneten Lamellen der Jalousie. Lichtstreifen ruhen auf dem Parkettboden und beleuchten den Staubflaum. Ich ziehe die Tür hinter mir zu, atme aus und lasse den Blick durch dein Zimmer schweifen. Tisch. Stuhl. Schrank. Auf dem Bett eine dünne Matratze, darauf zusammengerollt die Decke. Über dem Bett eine verblasste Fotografie, die ineinander verwobene Schlingpflanzen zeigt, grün in grün. Eine Weltkarte ist mit Stecknadeln an der Wand befestigt. Ein halber Kontinent fehlt. Weggerissen. Unterhalb von Costa Rica. Mit dem Finger fahre ich über die faserige Kante, spüre die Lücke in meinem Körper. Ich stelle mir vor, wie du all diese Länder in deiner Hosentasche hast verschwinden lassen. Du hast sie herausgekramt, die kleinen Krümmel. Sorgfältig. Mit den Fingern zerrieben. Immer wieder. Bis sie sich auflösten. Nur ein Hauch Staub lag auf deiner Handfläche.

VIVIEN
Vivien steht auf dem Deck der Lauretana und beobachtet zwei Männer in blauem Anzug und weissem Hemd. Der jüngere der beiden schaut zu ihr hoch, hebt den Daumen und ruft. «Signora Kawasaki?» Vivien lacht. Es dröhnt laut, als die Rampe hochgezogen wird. Das Schiff verlässt den Hafen. Menschen winken sich gegenseitig zu. Die Insel mit den zwei Bergen, dem Fossa del Felci, dem Berg der Farne, und dem Monte del Porri, dem Lauchberg, wird klein und kleiner. Vivien sieht nur noch die Turmspitze des Klosters, das umgeben von Kapernfeldern und Feigenkakteen zwischen den Bergen thront. – Langsam verschwindet Salina im Morgendunst. (...)